Von null auf dreihundert

19.05.2014

Ein deutschrussischer Sozialarbeiter hatte die Idee, „Integration durch Sport“ arbeitete sie aus: So wurde die deutsche Sportkultur um ein Spiel mit Stöcken und Hölzchen reicher - Teil 2 der Projektporträt-Serie

Gorodki - ein Spiel mit Stöcken und Hölzchen (DOSB/Scholz)

Dieses Spiel verbindet Kulturen nicht erst, wenn es losgeht: In seiner modernen Version ist Gorodki ein osteuropäischer Sport mit deutschem Akzent. Der Regelstamm wurzelt in den Ländern der früheren Sowjetunion: Man werfe einen Stab, um fünf zu Figuren („Gabel“, „Kurbelwelle“, „Wächter“ zum Beispiel) formierte Hölzchen aus einem normalerweise zwei mal zwei Meter großen Feld zu schlagen. Aber Eurogorodki, so heißt die in Deutschland übliche, heute auch vom internationalen Verband anerkannte Spielart, verwendet einen ungleich leichteren Bit, das ist der Wurfstab. Die Idee dieser „leiseren“ Variante hatte Edwin Feser, ein Karlsruher Sozialarbeiter russischer Herkunft. Das Programm „Integration durch Sport“ (IdS) nahm sie 2009 auf und zog sie groß.

Gorodki wird, Stand Herbst 2013, von über 300 Akteuren in Deutschland betrieben, an etwa 20 Standorten, die ein Netz von Friedrichshafen bis Schwerin spannen. Das klingt nicht nach Massenbewegung, folgt aber aus einer erstaunlichen Entwicklung. Denn vor dem Jahr 2000 lag die Zahl der Akteure bei null. Das Spiel, heute Integrationsmedium wie organisierter Sport, dürfte damals nur einigen Sporthistorikern und Zugewanderten mindestens mittleren Alters bekannt gewesen sein. Es schien ja selbst in Russland vom Aussterben bedroht, auch der 1947 geborene Feser kannte es nur aus seiner Jugend. Was ihn nicht daran hinderte, junge Spätaussiedler im Zuge eines Berufsorientierungsprojekts zum Bau eines Bit aufzufordern – Beginn einer wunderbaren, in Teilen fast skurrilen Geschichte, die Feser 2011 auf www.integration-durch-sport.de schilderte.

 

Neue Serie - alle 2 Wochen

Von Rügen bis Reutlingen, von Kiel bis Nürnberg. Von Basketball über Gorodki bis Tanztheater. Von der kulturellen Öffnung Einzelner bis zu jener von Großvereinen. Et cetera, denn Vielfalt ist das Stichwort, wenn das Programm „Integration durch Sport“ ab sofort und an dieser Stelle zeigt, wie es eigentlich funktioniert, so ganz genau und rein praktisch. Das folgende Projektporträt ist der Beginn einer Serie auf www.integration-durch-sport.de: Alle zwei Wochen stellen wir insgesamt 16 Initiativen vor, für jedes Bundesland eines: Geschichten, von denen keine der anderen ähnelt und die doch ein großes Ganzes ergeben. Nämlich ein Mosaik von Möglichkeiten, wie der Sport Verbindungen zwischen Kulturen schaffen und wachsen lassen kann.

IdS kam nach dem nächsten Schritt ins Boot: Feser hielt es bald für sinnvoll, nicht allein Menschen ex-sowjetischer Herkunft anzusprechen; er wollte ja nicht isolieren, sondern integrieren. So verdichtete sich die zunächst gelegentliche Zusammenarbeit mit dem Programm in Baden-Württemberg, das den interkulturellen Gedanken gemeinsam mit den Kollegen in anderen Ländern weiterentwickelte. Basierend auf einer virtuellen Plattform (www.gorodki.de), die die interessierte Öffentlichkeit informierte und die entstehende Community einte, regte IdS deutschlandweit die Gründung von Gorodki-Standorten und ihren Austausch untereinander an, ermöglichte Veranstaltungen wie das jährliche Internationale Gorodki-Forum und die WM 2011 in Karlsruhe. Und es verhalf den kleinen Hölzchen, nach denen das Spiel benannt ist, zu einigen großen Auftritten, etwa bei „Schlag den Raab“ auf Pro Sieben im Juni 2011.

Das Symbol der IdS-Strategie aber war und ist der Bit: Aus Kunststoff gefertigt, wiegt er höchstens zwei Kilo – statt etwa sechs wie klassische Stäbe aus Holz und Metall. Damit steht er für den sozialen Charakter der „deutschen“ Variante. „Gorodki ist für alle da“ überschrieb die IdS-Website einen Beitrag über den Sport, der Männer und Frauen, Enkel und Großeltern und Menschen jeglicher Herkunft erreichen soll. Torsten Schnittker, IdS-Programmleiter in Baden-Württemberg, fasste das Ziel in jenem Beitrag so zusammen: „Wir wollen das integrative Potenzial von Gorodki für den organisierten Sport und alle Beteiligten nutzen.“ Zurzeit gehört etwa die Hälfte der gut 300 Spielerinnen und Spieler einem Verein an. 

Das weitere Ziel ist klar: Wer aktiv ist, soll es bleiben, die anderen sollen es in möglichst großer Zahl werden. Wie Sambo, ein ebenfalls von IdS geförderte russischer Selbstverteidigungssport, steht Gorodki für offene Sportkultur und Anerkennung einer der größten Zuwanderergruppen in Deutschland. Und für Grenzüberschreitung im besten Sinn: Zu den Programmhöhepunkten des Jahres 2013 zählte neben einem von IdS Schleswig-Holstein veranstalteten dreitägigen Gorodki-Camp am Rande der Kieler Woche die Fortsetzung eines Fachkräfteaustauschs mit der sibirischen Stadt Tomsk.

Erster Zweck dieses Austauschs war die praktische Schulung hiesiger Gorodki- und Sambotrainer. Sport verbindet eben Kulturen. Sogenannter Importsport ganz besonders.

(Quelle: DOSB)