Die Profilfrauen

17.09.2014

Teil 8 der Projektporträt-Serie stellt den Berliner Fußballverein Türkiyemspor vor, der sich durch vorbildhafte Integrationsarbeit in der Mädchen- und Frauenabteilung auszeichnet.

Die Mädchen-Fußballmannschaft von Türkiyemspor; Foto: Giovanna Krüger

Mag sein, dass der Vergleich mit dem FC Bayern im ersten Moment ein wenig gewagt klingt. Allein, die Bedeutung des Fußballvereins Türkiyemspor für die Migranten in Deutschland dürfte ähnlich groß sein wie die des Münchener Clubs für die Bundesliga. Zumindest genießen die Berliner landesweite Bekanntheit als Aushängeschild für Multikulturalität und für ihre Integrations-arbeit hagelte es in den vergangenen Jahren eine Menge Preise – vom DOSB genauso wie vom Deutschen Fußball-Bund.

Einen Teil des Erfolges und der positiven Außenwahrnehmung kann sich die Mädchen- und Frauenfußball-Abteilung auf die Fahnen schreiben. 2004 hat Türkiyemspor sie ins Leben gerufen. Oder genauer: Murat Dogan. Der 37-Jährige ehemalige Regionalliga-Spieler ist der Kopf des Projektes, das er zusammen mit seiner Partnerin Giovanna Krüger leitet.

„Das war anfangs nicht einfach, weil viele skeptisch waren und meinten, Frauenfußball habe nichts in unserem Verein zu suchen“, sagt er. Doch die Zeiten ändern sich, Meinungen auch. Inzwischen ist die Bedeutung der Sparte für die Gesamtentwicklung des Vereins unstrittig: rund 20 Prozent der 500 Mitglieder sind weiblich.

Ein wichtiger, Stabilität schaffender Zuwachs, ganz klar („Es ging sehr schnell nach oben, das ist nicht typisch für Standards in deutschen Vereinen“). Doch der eigentliche Wandel nach der Öffnung von Türkiyemspor für Mädchen und Frauen zeigt sich woanders, etwa im Vereinsprofil. „Wir sind vom Massenanziehungspunkt für türkische Fans eher zu einer sozialen Einrichtung geworden“, sagt Murat Dogan.

Was er meint: Sporttreiben ist das eine, die Basis sozusagen, aber der Verein will mehr, und macht mehr – unter anderem mit Unterstützung des Programms „Integration durch Sport“ (IdS) –, um die integrative Wirkung über das Fußballspielen hinaus zu verlängern. Dazu gehört bei-spielsweise, den Mädchen bei den Hausaufgaben oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz zu helfen.

Die Integrations-Serie - alle 2 Wochen

Von Rügen bis Reutlingen, von Kiel bis Nürnberg. Von Basketball über Gorodki bis Tanztheater. Von der kulturellen Öffnung Einzelner bis zu jener von Großvereinen. Et cetera, denn Vielfalt ist das Stichwort, wenn das Programm „Integration durch Sport“ ab sofort und an dieser Stelle zeigt, wie es eigentlich funktioniert, so ganz genau und rein praktisch. Das folgende Projektporträt ist der Beginn einer Serie auf www.integration-durch-sport.de: Alle zwei Wochen stellen wir insgesamt 16 Initiativen vor, für jedes Bundesland eines: Geschichten, von denen keine der anderen ähnelt und die doch ein großes Ganzes ergeben. Nämlich ein Mosaik von Möglichkeiten, wie der Sport Verbindungen zwischen Kulturen schaffen und wachsen lassen kann.

Damit diese Bemühungen möglichst nicht an der Eckfahne enden, versuchen Murat Dogan und Giovanna Krüger über Schulkooperationen ihren Wirkungsbereich zu vergrößern. „Mit den Fußball-AGs, die wir nachmittags veranstalten, haben wir einen eigenen Ansatz entwickelt. Die Teenager, die bei uns Fußballspielen gelernt haben und mittlerweile 17, 18 Jahre alt sind, sollen selbst als Trainerinnen arbeiten. Dieser Übergang von der Mitspielerin zur Mitgestalterin klappt relativ gut“, sagt Murat Dogan. „Ich bin immer der Mann, der Trainer. Wenn eine Frau dasteht, die Fußball spielen kann, ist das ein anderes Vorbild. Das funktioniert besser.“

Fußball für alle Frauen; unter diesem Motto richtet sich der Blick sowohl in der Schule als auch im Verein auf die Breite, nicht auf die Spitze: „Wir wollen sportlichen Erfolg, sind mit unseren Mädchen in die Landesliga aufgestiegen, aber wir haben die Aufgabe, auch jene aufzunehmen, die nicht so viel Talent haben.“ Zur dieser Begabungsvielfalt kommt die kulturelle; beides erfordert intensive Betreuung und Beschäftigung.

In der Abteilung liegt der Anteil der Migrantinnen bei etwa 40 Prozent, die wiederum ganz unterschiedlichen Kulturen entstammen. Dringen dadurch die weltpolitischen Spannungen in den Verein? „Wenn man Vielfalt hat, muss man investieren“ sagt Murat Dogan. „Kurdische Mädchen, arabische Mädchen, türkische Mädchen, deutsche Mädchen; alle sind unterschiedlich in ihrer Lebensweise. Wir versuchen von Anfang an eine Sensibilisierung zu schaffen. Und ganz ehrlich: Die meisten Konflikte sind nicht der Rede wert.“

Akzeptanz und Verständnis sollen auch die gemeinsamen Sommerfahrten fördern, die die Abteilung seit 2010 unternimmt – mal an den Werbelinsee, mal nach Boitzenburg. Das Kicken spielt dann nur die zweite Geige. Wichtiger ist, sich kennenzulernen und die klassischen Gruppen- und Mannschaftszugehörigkeiten aufzubrechen.

Bleibt noch eine Frage an Murat Dogan: Kommen nicht sowieso eher die kulturell Aufgeschlossenen in den Verein? „Wir wollen alle, ich bin Kreuzberger und weiß, wie ich den Zugang bekomme, bei deutschen wie bei türkischen oder arabischstämmigen Familien. Und wenn ein neun-jähriges Mädchen zu uns sagt, ich kann nicht mehr Fußball spielen, weil ich demnächst ein Kopftuch tragen werde, dann müssen wir mit den Eltern klären, ob sie nicht mit Kopfbedeckung spielen kann. Das ist unsere Aufgabe.“

Und weil sich die Größe der Aufgaben und die Organisation des Vereins nicht gleichermaßen entwickelt haben („das haben wir in den Jahren des Wachstums vernachlässigt“), verspricht sich Murat Dogan viel von der Partnerschaft mit dem Programm IdS: „Von den Strukturen und der Netzwerkarbeit können wir sehr profitieren“, sagt er. Ein Büro, das wäre zum Beispiel ein Anfang.

(Quelle: DOSB-Presse, Ausgabe 38)