Reif für die Inselakademie: Neue Serie startet

06.05.2014

"Vielfalt verbinden": Dieses Motto setzt das Programm "Integration durch Sport" seit 25 Jahren um. Wie das im Einzelnen aussieht, zeigt nun eine 16-teilige Reihe von Projektporträts, die auf einer Elbinsel beginnt.

Der Ex-Profi Marvin Willoughby ist nicht nur Trainer sondern auch Mitbegründer von "Sport ohne Grenzen". Foto: Claus Bergmann

"Sport ohne Grenzen", im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg verwurzelt, ist ein etwas anderer Basketballclub. Und eine etwas andere, besonders breite Integrationsinitiative.

Die Jugendlichen, die Marvin Willoughby und seine Kollegen täglich um sich haben, würden vielleicht vom "next level" sprechen. Wäre nicht unpassend, denn die Herausforderung für das Team von Sport ohne Grenzen (SOG) ist tatsächlich ein Stück größer geworden: Wie an der Konsole oder am PC muss sich das im Prinzip Gelernte und Erprobte unter neuen Bedingungen beweisen. Aber beim Projekt der „InselAkademie“ in Hamburg-Wilhelmsburg, die SOG mitentworfen hat und seit Ende 2013 nutzt, geht es eben nicht um Spiel, nicht um die virtuelle Welt. Sondern um den handfesten Ernst des Lebens, um einen großen sozialen Auftrag, auch ein gewisses wirtschaftliches Risiko.

Marvin Willoughby, 1978 geborener Ex-Nationalspieler, ist das Gesicht und einer der Köpfe des Vereins, der vom ersten Vorsitzenden Jan Fischer geführt wird. Man könnte die SOG den etwas anderen Basketballclub nennen – oder eine besonders entschlossene, breite Integrationsinitiative. Hier wurde nicht erst der Sport und dann die interkulturelle Idee entwickelt. Beides war gleich da, beides ist eins. An der Gründung 2006 waren neben Willoughby Sportwissenschaftler und Sozialpädagogen beteiligt.

Sport ohne Grenzen, seit 2012 vom Programm „Integration durch Sport“ gefördert, bietet Schulen Basketball-Workshops und -AGs an; macht – etwa unter dem Siegel „Baskidball“, deutschlandweites Projekt mit dem Schirmherrn Dirk Nowitzki – offene Spielangebote; lädt zu Basketball-Camps und Streetball-Turnieren ein; nimmt zugleich am offiziellen Ligabetrieb Teil, von unten bis nach ganz oben: Die U18 und U16 gehören als „Piraten Hamburg“ den Nachwuchs-Bundesligen an, Wurzeln eines möglichen Hamburger Profiteams, an dessen Aufbau SOG mitwirkt.

Neue Serie - alle 2 Wochen

Von Rügen bis Reutlingen, von Kiel bis Nürnberg. Von Basketball über Gorodki bis Tanztheater. Von der kulturellen Öffnung Einzelner bis zu jener von Großvereinen. Et cetera, denn Vielfalt ist das Stichwort, wenn das Programm „Integration durch Sport“ ab sofort und an dieser Stelle zeigt, wie es eigentlich funktioniert, so ganz genau und rein praktisch. Das folgende Projektporträt ist der Beginn einer Serie auf www.integration-durch-sport.de: Alle zwei Wochen stellen wir insgesamt 16 Initiativen vor, für jedes Bundesland eines: Geschichten, von denen keine der anderen ähnelt und die doch ein großes Ganzes ergeben. Nämlich ein Mosaik von Möglichkeiten, wie der Sport Verbindungen zwischen Kulturen schaffen und wachsen lassen kann.

 

All das hat nun ein gemeinsames Dach, das der „Akademie“ auf der Elbinsel. Der Wohn-, Büro- und Freizeitkomplex der Benno und Inge Behrens-Stiftung mit neuer Großsporthalle wurde zum Vereinszuhause, in dem SOG sich und seine Angebote organisiert. Das geschah bisher dezentral: Wenn der Verein etwa überlasteten Schulen Unterstützung beim Sportunterricht anbot, setzte das räumliche Kapazitäten beim Partner voraus. Nun können die Schüler kommen, gern vermehrt. „Die Benno- und Inge-Behrends-Stiftung stellt uns die Halle zur Verfügung, aber wir müssen sie auch füllen, schon aus finanziellen Gründen“, sagt Willoughby. Herausforderung des nächsten Levels.

Aber es ist ein Heimspiel. Nicht nur, dass Willoughby wie die meisten anderen SOG-Trainer Migrationshintergrund hat: Er ist in Wilhelmsburg aufgewachsen, als Sohn eines nigerianischen Vaters und einer deutschen Mutter, die ihn und seine Schwester allein erzog. In dem Stadtteil leben viele Schlechterverdienende und sozial Benachteiligte, über 70 Prozent der Jugendlichen haben Migrationsgeschichte. „Ich weiß nicht, ob man Leuten den Unsinn von Vorurteilen erklären muss“, sagte Willoughby 2013 im Interview für www.integration-durch-sport.de. „Ich sehe darin jedenfalls nicht meine Aufgabe. Ich will mit den Jugendlichen arbeiten, die diese Vorurteile erleben.“ Sie sollten lernen, ihr Tun zu reflektieren, „zu überlegen statt irgendeinen Blödsinn zu machen, weil sie glauben, es sei sowieso egal“.

Es gehe SOG darum, „Perspektive“ zu stiften, sagt Willoughby. Das gehe besser am neuen Standort, wo Breiten- und Leistungssport einander befruchten werden, seiner Erwartung und Erfahrung gemäß. Man wolle „die Coolness, die von mir als Ex-Nationalspieler und von einer Leistungsmannschaft ausgehen, auf diesen Ort übertragen.“ Wenn ein Junge aus Wilhelmsburg beim Schulsport in der InselAkademie auf der anderen Seite die Profis von morgen trainieren sehe oder den Applaus bei ihren Spielen erlebe, motiviere ihn das, auch diese Bestätigung zu suchen.

Wichtig zu erwähnen, dass es für Willoughby mehr ums Suchen geht als ums Finden. Er könne einem  Zwölfjährigen nicht sagen, „Du wirst mal Profi“. Wohl aber: „Wenn Du an Dir arbeitest, hast Du eine Chance, in der Jugend-Bundesliga zu spielen.“ Wenn er das nicht schaffe, habe er vier Jahre in Leistungssportstrukturen hinter sich und gelernt, Regeln und Gegner zu respektieren. „Und weil er das in einem Team gelernt hat, weiß er, dass selbst der beste Spieler nichts ist ohne die anderen. Er weiß, auf die Gesellschaft übertragen, dass nicht nur Anwälte wichtig sind, sondern auch Müllmänner.“ Es ist einer der Momente, in denen man sich vorstellt, wie der Ex-Profi aus Wilhelmsburg vor einer Gruppe Teenies steht und spricht. Und wie er damit noch den Lustlosesten und die Unsportlichste dazu bringt, aufzuspringen und sich einen Ball zu greifen.

Marvin Willoughby ist auch einer der insgesamt fünf Unterstützer des Programms. Erfahre hier mehr über ihn.

(Quelle: DOSB)