Sie packen es an

07.11.2016

Geflüchtete Mädchen und Frauen sind für die meisten Sportvereine eine große Unbekannte – und umgekehrt. Drei Beispiele zeigen, wie sich beide Seiten näher kommen.

TuS Rondorf erreicht neben geflüchteten Frauen auch Mädchen wie Jelsica (13) aus Angola, hier bei einem vom TuS ausgerichteten Lehrgang mit Kampfkunstmeister Manfred Meißner (Quelle: TuS Rondorf)

Mancherorts ist Integration durch Sport auch Emanzipation durch Sport. Etwa bei Karl-Heinz Muhs in Köln. „Ich habe schon den Eindruck, dass sich die Frauen gerne bewegen. Es geht ihnen aber auch darum, etwas für sich zu tun“, sagt der Macher des TuS Rondorf über die muslimischen Mitglieder dreier Gymnastikgruppen, die sein Verein im Sommer gegründet hat. „Sie freuen sich, etwas Neues kennenzulernen, Kontakte zu anderen Frauen zu knüpfen und mal ohne ihre Männer zu sein.“  

TuS Rondorf hat aus der Not – einer komplett sanierten,  bis 2017 gesperrten Sporthalle – und einer besonderen Konstellation – drei Geflüchtetenwohnheime in der Nähe – eine Tugend gemacht. Besser: aus dieser Tugend noch mehr gemacht als bisher. Denn laut Muhs, Vorsitzender, Jugendwart und Abteilungsleiter Kampfsport, arbeitet der Club schon immer integrativ (und inklusiv). Seit Frühling 2015 nun geht er auch gezielt auf Geflüchtete zu, vor allem in Gestalt von Muhs. Der pensionierte Soldat bietet in den drei besagten Wohnheimen etwa Fußball, Bogenschießen für Kinder oder „Abenteuer- und Erlebnissport“ (Wandern, Geo-Caching, Radfahren und ähnliches) an. So kann der TuS den durch die Hallensperrung bewirkten Mitgliederrückgang (von knapp 600 auf 300) abfedern und seinen integrativen Anspruch ausbauen. Zumal er so eben auch gläubige Musliminnen erreicht, für die sich reguläre Vereinsangebote oft verbieten.

Köln zeigt: Der organisierte Sport kann einen weitreichenden Beitrag leisten, damit geflüchtete Frauen und Mädchen in Deutschland Fuß und Vertrauen fassen. Das aber setzt einiges voraus. Erstens Vereine, die gezielte Angebote für eine potenziell schwer erreichbare Zielgruppe entwickeln – Migrantinnen, speziell Musliminnen sind im organisierten Sport unterrepräsentiert. Zweitens Projekte wie das von Aydan Özoğuz, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, unterstützte „Willkommen im Sport“ (WiS), die den damit verbundenen Aufwand für die Vereine tragbar machen. Drittens Menschen, die das Thema persönlich nehmen und die Mädchen und Frauen aufsuchen, abholen. Und sei es im Wortsinne.

Es braucht also Menschen wie Karl-Heinz Muhs. Und wie Simone Sachs oder Susanne Hintz. Sachs hat 2013 Zumba Plauen gegründet, einen Verein, der im Frühjahr einen Kurs für geflüchtete Grund- und andere Schülerinnen ins Leben rief. Hintz trainiert bei VfK Berlin-Südwest ein Team junger Volleyballerinnen – mit denen gemeinsam sie eine Gruppe für geflüchtete Mädchen initiiert hat, die in einer der VfK-Halle benachbarten Container-Anlage wohnen. Während Zumba Plauen sein Angebot in der Schule macht, kommen die Mädchen in Berlin zur Vereinsanlage rüber. Das Abholen fand hier zu Beginn statt, als Hintz und eine ihrer Spielerinnen mit Flyern im Wohnheim vorsprach, um das Interesse der Mädchen zu erkunden.

 

Erstmal kennenlernen

Interesse gab es. Aber keinerlei Sporterfahrung. Das merkte Hintz im Juli, bei der ersten, auf zwei Stunden anberaumten Einheit. Vor ihr und einer ihrer Assistentinnen  stand eine Gruppe Vier- bis 15-Jähriger, die sich, so Hintz, „nicht mal eine Stunde konzentrieren konnten und keine Regeln kannten“. Weder sportliche – an Volleyball tastet sich die Gruppe erst „ganz, ganz allmählich“ heran – noch organisatorische: Pünktlich sein. Deutsch sprechen. Zuhören, wenn etwas erklärt wird. Sich als Team verstehen. „Gemeinsame Übungen waren schwer, weil alle nur zu uns schauten, nur mit uns reden wollten“, blickt Hintz zurück. Denn inzwischen, das ist das Gute, läuft's besser. „Die Gruppe wächst und hat Struktur bekommen.“

„Es ist ein Prozess“, bestätigt Simone Sachs. Ihr Zumba-Kurs in Plauen besteht schon seit Beginn 2015, etwa 20 Grund- und ältere Schülerinnen tanzen sich darin fit. Anfangs war die Fluktuation groß, einige Mädchen blieben nicht lange in Plauen. Zudem stellten die Übungsleiterinnen fest, dass ihre Schützlinge „das mit der Verbindlichkeit anders sehen als wir“, so Sachs. „Die kommen auch mal spontan nicht, ohne Bescheid zu geben.“ Mittlerweile hat sich das Ganze etwas gefestigt. „Wir haben den Mädchen erklärt, dass es blöd für die Übungsleiterinnen ist, wenn sie einfach nicht erscheinen, und dass wir den Kurs so irgendwann einstellen müssen. Das scheint anzukommen“, sagt Sachs.

Beim Lernen getrennt, im Sport vereint:  Im Geflüchtetenkurs von Zumba Plauen treffen sich Grund- und fortgeschrittene Schülerinnen - Größen- und Altersspanne sind entsprechend groß (Quelle: Zumba Plauen)

Es ist ein Prozess, na klar: Wenige Mädchen und Frauen aus Syrien, Irak oder afrikanischen Ländern kennen organisierten Sport aus eigener Erfahrung – geschweige denn die hiesige Vereinsstruktur. Und gerade bei heranwachsenden Mädchen sowie Frauen aus muslimischen Familien ist die kulturelle Distanz oft groß, wie Muhs erklärt. So zögen die Gymnastinnen in Rondorf „ihre Schleier wirklich erst aus, wenn die Türen und die Vorhänge zu sind“. Und nach einer zweiwöchigen Kurspause musste die Übungsleiterin die Gruppen im September „erst wieder zusammentrommeln“.

 

Ein Bindeglied macht's leichter

Die Übungsleiterin, sie war ein Glücksgriff. Muhs konnte es kaum fassen, als ihn die 25-Jährige im Juli ansprach, ob sie ein zwölfmonatiges Praktikum beim TuS machen könne. Ein halbes Jahr zuvor hatte ihn eine Wohnheimleiterin nach einem Angebot für muslimische Frauen gefragt, er hatte verneint: kein passendes, also weibliches Personal. Nun stand da diese junge Frau, die islamische Grundregeln kennt und ihren Übungsleiterschein B in Gymnastik macht. Muhs: „Bevor sie ablehnen konnte, war sie in drei Kursen aktiv.“ Nämlich zwei in Rondorf mit zusammen 15 Teilnehmerinnen, einer im Nachbarstadtteil Godorf mit etwa acht.

Die von „WiS“ geförderten Initiativen in Köln, Plauen und Berlin schließen eine Lücke: Sehr viele Sportangebote für Geflüchtete richten sich an die (meist männlichen) unbegleiteten Minderjährigen. So ließ sich Zumba Plauen von einem Partnerverein inspirieren, der geflüchtete Jungs zum Fußballspielen einlädt: „Die Mädchen brauchen auch was“, dachte Sachs. Sie suchte die Unterstützung des Kreissportbunds Vogtland und der Schule, bald darauf ging's los.

In Plauen ist auf Seiten der Schule eine Vertrauenslehrerin für das Projekt zuständig, ansprechbar für die Mädchen wie den Verein. Das ist ein Schlüssel: Vertrauen, Vermittlung. In Rondorf sieht Muhs die Übungsleiterin als „Bindeglied“, das die kulturell sehr heterogene Gruppen eint, schon sprachlich: Die geborene Perserin kann neben Deutsch und Farsi etwas Arabisch, Französisch, Englisch. In Berlin und Plauen ist es in dieser Hinsicht leichter, die Mädchen lernen Deutsch in der Schule, ein bisschen was können alle. Im Übrigen entsteht Vertrauen bei Teenagern ja fast eher über Ansprache als über Sprache. Hintz sagt: „Meine Spielerinnen sind zwischen 16 und 25. Die Mädchen identfizieren sich mit ihnen, sie hängen ihnen an den Lippen.“

 

Die nächsten Schritte

Das anfängliche Stottern ist überwunden, die Gruppen funktionieren – und wie geht’s weiter? Bei Berlin-Südwest freut sich Hintz, nach den ersten Einheiten auf dem Beachvolleyballfeld einer Jugendwerkstatt eine Hallenzeit bekommen zu haben, der Vereinsunterstützung sei Dank. Der Kurs werde fortbestehen, sagt sie, die inzwischen „ganz begeistert“ ist. Alles Weitere muss sich zeigen.

In Plauen ist schon Integration sichtbar: Einige Ex-Mitglieder der Schulgruppe gehen mittlerweile zum regulären Zumba-Angebot, und das diesjährige Sommercamp wird 2017 neu aufgelegt – nicht zuletzt mit Blick auf die Geflüchteten. Denn heuer bekam Sachs die Zusage für eine Halle zu spät, um die Mädchen der Schulgruppe und ihre Eltern von einer Teilnahme zu überzeugen. „Eine Woche war für sie vielleicht auch noch zu lang, wir kannten uns noch nicht so gut“, sagt sie. Fürs nächste Jahr nun steht nicht nur der Termin, es gibt auch schon einen zweisprachigen Flyer (Deutsch/Arabisch), und das Vertrauen in den Verein ist gewachsen: klar bessere Voraussetzungen. 

Bleibt TuS Rondorf, der Verein, der sich Integration auf die Fahnen schreibt und etwa 50 Prozent zugewanderter Mitglieder hat, wie Muhs schätzt. Er wartet auf die Wiedereröffnung der Halle und das Mehr an Platz. Dann will er aus den drei Gymnastikkursen zwei machen und diese für nichtmuslimische Frauen öffnen; die Gruppen seien jetzt stabil genug, um sich nicht nur räumlich zu verändern. Es wäre ein weiterer Schritt – auch der Emanzipation durch Sport.

(Autor: Nic Richter)

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