Erkenntnisgewinn mal sechs

23.06.2014

Das „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“ vereint sehr verschiedene Wissenschaftsperspektiven, darunter die des Sports – über ein Projekt wider Kirchturm- und Elfenbeinturmdenken.

In Personalunion: Der Direktor des BIM, Sebastian Braun (hier beim Ehrenamtsforum des LSB Rheinland-Pfalz 2013), leitet zugleich die Abteilung "Integration, Sport und Fußball" (Quelle: Alexander Sell)

Es kann keinen Zweifel mehr geben: Berlin ist Deutschlands Hauptstadt. Nämlich in der Integrationsforschung, die junge Vergangenheit zeigt es. Nicht nur, dass das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, eine Denkfabrik für demographischen Wandel, kürzlich mit seiner Studie „Neue Potenziale“ Aufsehen erregte, die die Lage der Integration in Deutschland beschreibt (siehe Meldung); schon zuvor, im April, hatte es an der Humboldt-Universität eine sehr gut besuchte Pressekonferenz gegeben, auf der sich das BIM vorstellte, das „Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung“. Die neue Einrichtung verfolgt einen Ansatz, der ihre Arbeit nicht nur für die Wissenschaft interessant macht, sondern auch für Medien, Politik, Zivilgesellschaft. Und für den Sport.

Die breite Ausstrahlung ist ein Kern des BIM-Konzepts, das Gründungsdirektor Sebastian Braun und Kollegen seit April 2013 entwickelt haben. Damals hatten die Hertie-Stiftung, der Deutsche Fußball-Bund (DFB), die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung und die Bundesagentur für Arbeit einen Wettbewerb unter Universitäten ausgeschrieben, um die Entstehung eines neuen Instituts anzuregen. Die Einladung landete auch auf dem Schreibtisch von Braun, Professor für Sportsoziologe an der Humboldt-Universität, zu dessen weiteren Forschungthemen unter anderem Integration zählt. Gemeinsam mit Spezialisten anderer Fachgebiete (nicht allein an der Humboldt-Uni) erarbeitete er das BIM-Konzept, das den Zuschlag bekam und seit Februar 2014 umgesetzt wird.

Wissenschaft in Wirklichkeit

Es geht also um Integration und Migration. In Deutschland und Europa. Wie sie sich  entwickelt hat und sich entwickeln wird. Und es geht, darum, „zur Versachlichung der  Debatte über Integration und Migration beizutragen“ wie Braun sagt. Breite Ausstrahlung, gesellschaftlicher Anspruch, nur kein Elfenbeinturm- und Kirchturmdenken. Der Direktor erläutert das in einem Dreiklang: „Das BIM integriert wissenschaftliche Vielfalt, das BIM integriert Theorie und Wirklichkeit, das BIM integriert gesellschaftliche und staatliche Akteure.“

Was heißt das praktisch? In Sachen Vielfalt Folgendes: Das BIM vereint sechs Abteilungen mit je eigenem Schwerpunkt, darunter Arbeitsmarkt, Gesundheit, Bildung und auch Sport, laut Braun immer noch ein „relativ besonderer“ Aspekt auf dem Forschungsfeld Integration und Migration. Noch besonderer ist das Gesamtkonstrukt. Wohl keine andere Einrichtung hierzulande betrachtet das Thema aus so so vielen Blickwinkeln. „Die zentrale und sehr traditionsreiche Frage, die unsere Forschung verbindet, ist die nach dem Zusammenhalt von Gesellschaften“, sagt Braun. Es gehe dem BIM darum, die in den einzelnen Disziplinen geführten, höchst unterschiedlichen Debatten über Migration zusammenzuführen: Was weiß der Etnhologe, das den Psychologen interessiert? Welche Kontakte hat der Sportsoziologe, die auch der Bildungsexpertin helfen könnten? Und so fort.

Und so weit der wissenschaftliche Ansatz. Mit der „Integration von Theorie und Wirklichkeit“ bezieht sich Sebastian Braun auf den empirischen Anspruch. Die verschiedenen BIM-Experten verstehen Forschung als Basis, um teils selbst erhobene Daten und Erkenntnisse über Europas „Migrationsgesellschaften“ (von denen die deutsche die größte ist) zu analysieren und auch zu transferieren, etwa Richtung Medien. Dieser „Brückenschlag“ zur Realität passt zum Austausch mit Praktikern, den das BIM sucht – Stichpunkt „Integration von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteuren“. Dazu zählen etwa politische Gremien und Ministerien, soziale Träger, wirtschaftliche Einrichtungen und Sportverbände.

Der  Sport und das Ganze

Für Letztere ist die Abteilung „Integration, Sport und Fußball“ zuständig. Sie wird von Direktor Braun geleitet und arbeitet ebenso mit dem DFB zusammen wie mit dem DOSB respektive dessen Programm „Integration durch Sport“ („IdS“). „Wissenschaftliche Begleitung“, lautet der Auftrag, hinter dem sich zweierlei versteckt.

Erstens hat das BIM einen Fragebogen für die Landes- und Regionalkoordinatoren des Programms entwickelt, um relativ konstant Informationen zu erhalten über den Fortgang der Projekte vor Ort. Zweitens will das BIM untersuchen, inwieweit das Programm im Laufe seines 25-jährigen Bestehens auf Veränderungen der gesellschaftlichen Diskussionen  reagiert hat. Was zum Beispiel geschah in und mit IdS, als das Umfeld vor einigen Jahren den Dialog mit den zuvor gern ignorierten Migrantenorganisationen empfahl? Dass etwas geschah, nimmt das BIM an.

Der Sport als Teil des Ganzen: Das ist der springende Punkt. Seit den späten 90er Jahren befasst sich die Wissenschaft genauer mit der zuvor selten beleuchteten Rolle des Sports für Integrationsprozesse; inzwischen liegt „eine Reihe wirklich wertvoller Studien“ zu dem Thema vor, wie Braun resümiert. Freilich: diese Studien entstammen in der Regel der Sportwissenschaft. Der Blick von der Seite, eine interdisziplinäre Einbettung wäre ein nächster Schritt . „Vielleicht kann die Debatte noch gewinnen, wenn man sich mit Kolleginnen und Kollegen austauscht, die sich mit Integration und Migration in völlig anderen Kontexten beschäftigen“, sagt Braun in seiner Funktion als Abteilungsleiter.

Bleibt eine Frage: Warum spricht das BIM von „Integration“ - anstelle des vermeintlich korrekteren „Inklusion“? Der Institutsdirektor begründet das mit der „ganz, ganz traditionsreichen Integrationsforschung“ in den meisten vom BIM vereinten Disziplinen. „Wir haben uns darauf verständigt, eher an diese Tradition anzuknüpfen, als semantische Sprünge zu machen.“ Entscheidend dabei ist: Kulturelle Integration wird als ein Teilaspekt gesamtgesellschaftlicher Integration betrachtet. Es geht deshalb nicht um „wir“ und „die“, nicht um Menschen mit versus ohne Migrationshintergrund. Im Gegenteil. Der Ethnologe Wolfgang Kaschuba, Vorstandsmitglied des BIM, wird im „Tagesspiegel“ zitiert: „Das Neue ist, dass wir nicht mehr nach Migranten fragen“.

(Autor: Nicolas Richter)